Seitengänge richtig vorbereiten: Wann dein Pferd wirklich bereit für Schulterherein & Co. ist

„Schulterherein ist das Aspirin der Reitkunst.“ – Nuno Oliveira

Oft werden Seitengänge als Allheilmittel beschrieben und erwecken den Eindruck, dass sie einerseits für das Wohlergehen eines jeden Pferdes unvermeidbar sind und andererseits erst ein Reiter, der sie nutzt, ‚etwas kann‘.

Vorab: Dem ist nicht so, Balance und Gesundheit sind auch möglich, ohne Seitengänge zu erreichen.

Wenn du sie aber nutzen möchtest, solltest du sicherstellen, dass dein ‚Aspirin‘ auch die richtigen Zutaten enthält und keine aus billigem weißem Pulver zusammengepresste Fake-Tablette ist.

Deswegen zeige ich dir heute, was diese Zutaten sind.

Traversale

Woran du einen gut ausgeführten Seitengang erkennst

In einem gut ausgeführten Seitengang

  • bleibt das Pferd jederzeit unverändert im Takt
  • ist der Brustkorb angehoben, die Hinterbeine fußen kürzer, Hüft- und Kniegelenke bleiben stärker gebeugt – dadurch entsteht ein kürzerer Rahmen, vermehrte Aufrichtung und der nötige Versammlungsgrad
  • ist der Brustkorb entsprechend der nötigen Biegung minimal rotiert
  • bleibt das Pferd in der Halsbasis stabil – wenn man die Schulterblätter nach vorn verlängern würde, darf sein Kopf diesen ‚Kanal‘ nie zur Seite verlassen
  • werden Kraft und Bewegung nicht mehr parallel zur Wirbelsäule, sondern diagonal durch den Pferdekörper übertragen
  • bleibt es im ganzen Körper losgelassen und deswegen durchlässig an den Hilfen
  • behält es die gewünschte Abstellung auf der gerittenen Linie bei

Da kommen schon ein paar Fähigkeiten zusammen, die ein Pferd bewältigen können muss!

Renvers

Warum gute Grundlagen vor Seitengängen entscheidend sind

Bevor du dein Pferd also ins kalte Wasser wirfst und direkt mit dem Seitengang beginnst, stelle erst einmal sicher, dass dein Pferd diese Fähigkeiten einzeln bzw. dann in weniger komplexen Zusammensetzungen schon beherrscht.

Lass uns also die Komponenten einmal einzeln anschauen:


Takt – bleibt er wirklich stabil?

  • Geht dein Pferd grundsätzlich in einem gleichmäßigen Takt?
  • Bleibt der Takt unverändert, auch wenn ihr von einer geraden auf eine gebogene Linie abwendet?
  • Bleibt der Takt unverändert, auch wenn die gebogenen Linien kleiner werden – bis hin zur Größe einer Volte?

Ø Um das zu können, muss dein Pferd jederzeit den Raumgriff anpassen und auch die Belastung der Hinterbeine ändert sich mit kleiner werdenden Linien. Sie können jetzt nicht mehr so stark schieben und bleiben stärker gebeugt.

Schulterherein

Brustkorb und Vorhand – Anheben ohne Spannungsverlust

Kann dein Pferd in Bewegung den Brustkorb anheben, sodass es den Sattel mehr ausfüllt und der Hals vor dem Sattel breiter wird?

Kann es das, ohne den Takt zu verlieren? Auch im Wechsel auf eine andere Linie? Auch auf zunehmend kleiner werdenden Linien? Und auf beiden Händen gleichermaßen?

Ø Um das zu können, darf dein Pferd zum einen nicht verspannt sein und muss zum anderen dafür schon die nötige Kraft bzw. den nötigen Tonus aufgebaut haben.


Biegung – ohne Abknicken oder Überstellen

Kann dein Pferd in beide Richtungen wenden, ohne im Hals abzuklappen oder sich zu überstellen?

Kann es in Wendungen mit dem Brustkorb symmetrisch bleiben, also weder die innere noch die äußere Seite spürbar ‚abfallen‘ lassen?

Kann es sich auf gebogenen Linien auf beiden Händen biegen – ohne sich mit einer Seite zu stark hängen zu lassen, ohne die Linie zu verlassen, sich zu verwerfen und ohne seitlich mit dem Hals abzuknicken? Auf einem Zirkel, auf einem kleineren Zirkel, auf einer Volte, in einer Ecke?

Ø Um das zu können, muss dein Pferd beide Körperhälften im Rumpf und über den Beinen gleichermaßen stabil halten. Es ist also schon ein gewisses Maß an Geraderichtung notwendig.

Renvers zu wenig Biegung

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Die entscheidende Voraussetzung: Losgelassenheit im Rücken

Und zuletzt die entscheidende Frage – denn ohne diese Qualitäten ist alles andere hinfällig:

Bleibt dein Pferd dabei im Rücken losgelassen und durchlässig an den Hilfen, fühlt sich also stabil und gleichzeitig weich, balanciert und gleichzeitig kraftvoll an?

Ø Ob die Losgelassenheit vorhanden ist oder verloren geht, zeigt dir, ob dein Pferd die o.g. Fähigkeiten wirklich hat und in Balance ist – oder nur gerade so irgendwelche Körperteile irgendwohin halten kann.


Wann ihr wirklich bereit für Seitengänge seid

Wenn du all diese Fragen – insbesondere die letzte – mit JA beantworten kannst: Herzlichen Glückwunsch!

Du hast dann schon richtig gute Grundlagen gelegt und hast ein gut balanciertes und losgelassenes Pferd. Das hat sicher einiges an Zeit und Mühe gekostet, aber: Ihr seid bereit, euch mit den Seitengängen zu befassen!


Und wenn noch nicht alles passt

Da war noch ein oder mehrere NEINs dabei?
Dann hast du gleich eine Liste an Dingen, die ihr üben solltet.

Schulterherein, überstellt im Hals, verworfen im Genick

Willst du noch mehr für dich und dein Pferd lernen?

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