Wahrnehmung von Pferdeverhalten – warum sie mehr mit dir zu tun hat als mit deinem Pferd

Ein ideales Freizeitpferd? Zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen

In meinem Kundenkreis gibt es ein Pferd, was ich als ideales Freizeitpferd bezeichnen würde: Gelassen, klar im Kopf, macht alles mehr oder weniger unkompliziert mit.
Wenn es sich erschrickt, macht es mal drei halbherzige Galoppsprünge, lässt sich aber jederzeit parieren und kommt auch nicht aus dem Konzept, wenn der Reiter mal auf dem Hals landet oder schräg hängt.
Gedanklich verabschiedet es sich gern mal etwas und „träumt vor sich hin“ – in diesen Moment steht es dann einfach nicht gut an den Hilfen, wird aber auch hier nie kopflos.

Die Besitzerin versteht nicht, warum ich das Pferd als unkompliziert und gelassen bezeichne. Sie hält es für angespannt und nicht geländesicher.

Warum die Einschätzung von der Reiterin abhängt

An ihren Fähigkeiten – und das meine ich nicht wertend!
Sie ist noch nicht so sicher im Sattel, hat noch nicht das Gefühl, jederzeit ihren Körper – und damit auch die Reaktion des Pferdes – kontrollieren zu können.
Wenn das Pferd also mal kurz angaloppiert, verliert sie die Balance und wird unsicher.
Außerdem kann sie noch nicht die Sicherheit und Klarheit vermitteln, die dem Pferd sagt: Wir gehen jetzt hier lang, in dem Tempo und der Gangart, sind hier stabil und in jenem Körperteil lassen wir los. Dadurch fehlt dem Pferd teilweise noch die Orientierung.

Sie arbeitet bereits an sich und die beiden werden auf jeden Fall ein gutes Team werden. Das Pferd bringt alles mit, was sie langfristig braucht und genießen kann. Es liegen auch noch locker 15 reitbare Jahre vor ihnen.

Ich kann absolut nachvollziehen, dass sie es also so anders einschätzt als ich.

Wie unterschiedlich dasselbe Pferd wahrgenommen werden kann

Warum erzähle ich das?
Weil ich anhand dieses Beispiels aufzeigen möchte, wie unterschiedlich ein und dasselbe Pferd wahrgenommen werden kann und dass die Ursache viel weniger beim Pferd als bei uns liegt.
Auch wenn das erstmal unbequem zu hören ist.

Wie man ein Pferd wahrnimmt und seine Eigenschaften beschreiben würde – gelassen oder angespannt, aufmerksam oder zu „drüber“, faul oder entspannt – hängt stark von den eigenen Fähigkeiten ab.

Pferdetypen und der Einfluss des Reiters

Natürlich gibt es unterschiedliche Pferde. Manche sind gelassener – und dafür manchmal auch gedanklich sehr langsam –, andere von Natur aus mehr „an“ – und dafür auch schneller drüber.
Manche haben ein hohes Grundtempo, andere einen sehr niedrigen Tonus.
Manchen tut mehr Vorwärts gut, andere müssen lernen, mehr zuzuhören als einfach zu machen.

Wie einfach oder schwierig du ein Pferd findest, hängt aber in erster Linie davon ab, wie gut du mit dem typischen Verhalten dieses Pferdes umgehen kannst.


Beispiele, wie der Reiter das Pferd „verändert“

Du bist schnell angespannt, mehr oder weniger dauergestresst und hast es mit einem Pferd zu tun, was darauf sehr sensibel reagiert und dann auch angespannt und „nervig“ wird. Du wünschst dir, stattdessen ein einfaches Pferd zu haben, ohne ständig aufpassen zu müssen.
Eine Person, die auch in stressigen Situationen ihren eigenen Zustand gut regulieren kann, wird dasselbe Pferd als einfach und unkompliziert empfinden. Denn wenn der Mensch gelassen bleiben kann, ist dieses Pferd es auch.

Mit einem sehr ruhigen Pferd passt es dagegen vielleicht sehr gut, weil es dir leicht fällt, so viel Energie ins Pferd zu bringen, dass es ein angenehmes Tempo bringt – aber übertreiben liegt ihm nicht in der Natur, also fühlst du dich sicher.
Jemand anderes würde dieses Pferd als träge empfinden und hätte vielleicht Probleme damit, überhaupt ein gutes Vorwärts zu etablieren. Jeder Tag wäre dann mit viel Frust verbunden.

Dementsprechend kann sich bei einem anderen Menschen – beispielsweise bei einem Kauf, oder aber schon bei einer Reitbeteiligung – das Verhalten eines Pferdes ändern.


Meine Stute Fayola als Beispiel

Meine aktuell 22-jährige Stute Fayola ist ein absolutes Traumpferd:
Souveräne Leitstute in der Herde, motiviert und leistungsbereit, sensibel, macht gern Tempo, aber ist immer klar im Kopf, voll bei der Sache, denkt mit und im Gelände oder auch mit unsicheren Reitern ein Verlasspferd.

Ich weiß aber, dass sie ein angepasstes Trainingspensum und gymnastizierende Arbeit braucht. Sonst fühlt sie sich in ihrem Körper nicht mehr so wohl und wird dann etwas unsicherer, unaufmerksamer und verliert ihre Durchlässigkeit.
Außerdem gibt es immer wieder Tage, an denen ich ihr ganz bewusst Ruhe und Sicherheit vermitteln muss, damit sie innerlich wirklich loslässt und sich nicht stresst.

Angenommen, sie würde den Besitzer wechseln und diese Person könnte ihr nicht das geben, was sie braucht, wäre sie nach einem Jahr nicht mehr dasselbe Pferd.
Vielleicht würde sie wieder – wie früher – schnell ins Rennen kommen, wäre körperlich dauerhaft angespannt und gestresst und würde im Gelände schreckhaft.
Bei jemandem, der besser ist als ich, würden sich dagegen vielleicht noch mehr positive Eigenschaften herauskristallisieren, für die ich aktuell einfach noch nicht weit genug bin.

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Warum dieses Wissen wichtig ist

Drei Szenarien fallen mir ein, in denen es dir helfen kann, zu wissen, dass die Beschreibung oder Wahrnehmung eines Pferdes viel mit dem Menschen zu tun hat:

1. Im Umgang mit deinem eigenen Pferd

Gibt es Eigenschaften deines Pferdes, die du als schwierig oder problematisch empfindest?
Oder Situationen, in denen du dich überfordert fühlst?
Welche sind das?
Und was müsstest du können, um damit besser umgehen zu können?
Die Beantwortung dieser Fragen ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer noch sichereren und harmonischen Beziehung mit deinem Pferd. Denn dann weißt du, woran du arbeiten kannst.

2. Mit anderen Pferden

Vor allem, wenn dir andere Pferde beschrieben werden, weißt du jetzt, nicht jedes Wort für bare Münze zu nehmen.
Sondern rechne damit, dass du dasselbe Pferd unter Umständen anders wahrnimmst – und beide Menschen haben recht!

3. Beim Kauf eines Pferdes

Hier ist es ganz besonders wichtig, zu wissen, dass der Anzeigentext und die Beschreibung des Verkäufers nicht dem entsprechen müssen, was du wahrnimmst oder auch, wie sich das Pferd nach dem Kauf bei dir zeigt. (Zumal hier für das Pferd in der Regel noch der Stallwechsel hinzukommt.)

Daher solltest du beim Probereiten natürlich genau schauen, wie das Pferd auf dich reagiert, dir gleichzeitig aber auch bewusst sein, ob es Verhaltensweisen gibt, mit denen du auf Dauer komplett überfordert wärst.
Natürlich muss man mit einem neuen Pferd zusammenwachsen, was durchaus mehrere Jahre dauert.
Und wir können und sollten uns als Pferdemenschen auch immer weiterentwickeln.
Dennoch ist es vielleicht keine glückliche Idee, sich als sehr unsicherer Mensch ein ängstliches Pferd zu kaufen.


Fazit: Deine Wahrnehmung schärfen

Dir bewusst zu sein, dass deine Wahrnehmung und Einschätzung von Pferdeverhalten geprägt ist von dem, wie du bist und was du kannst, hilft dir, realistischere Einschätzungen zu entwickeln und zeigt dir auf, wo du dich selber noch weiter verbessern kannst.

Dabei brauchst du Hilfe?
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