Dein Pferd verändert sich schneller, als du denkst – in beide Richtungen
Nichts ist so beständig wie der Wandel – auch beim Pferdekörper
‚Nichts ist so beständig wie der Wandel.‘
Dass Veränderung beim Pferd immer stattfindet, ob es einem in den Plan passt oder nicht, wusste schon der griechische Philosoph Heraklit vor 2500 Jahren.
Das gilt ganz pragmatisch für jeden lebenden Körper, also auch für den deines Pferdes.
Auch im ausgewachsenen Pferd erneuern sich alle Strukturen, alle Zellen, permanent. Dabei ist das Tempo unterschiedlich – bei Muskeln geschieht das schneller als bei Sehnen und Bändern und nochmal langsamer sind Knochen. Aber auch Knochen sind ungefähr alle 7 Jahre einmal ‚runderneuert‘.
Der Körper passt sich immer an – in die eine oder andere Richtung
Dabei wird allerdings nicht alles einfach so wieder hergestellt, wie es vorher war (sonst dürfte ja auch nie der Prozess des Alterns zutage treten), sondern: Der Körper passt sich permanent der Belastung an, der er aktuell ausgesetzt ist.
Und genau da liegt unsere Chance als Pferdebesitzerinnen, aber vor allem auch unsere Verantwortung.
Denn daran, wie das Pferd seinen Körper nutzt und auf welche Art und Weise es sich regelmäßig bewegt, entscheidet sich, ob wir langfristig ein gesundes Pferd haben oder sich Kompensationen und Verschleißerscheinungen zeigen. Ob die Sehne irgendwann nachgibt, weil sie der ständigen Überlastung nicht mehr gewachsen ist, ob die Überlastung eines Gelenks zu frühzeitiger Arthrose und Verknöcherung führt oder ob ganz offensichtlich Muskulatur fehlt und das Pferd trotz guten Futterzustands und regelmäßiger Arbeit kantig bleibt.
Dazwischen gibt es leider nichts, es bewegt sich immer entweder in die eine oder in die andere Richtung.
Die ersten Anzeichen sind subtil – und früh da
Die ersten Anzeichen einer negativen Veränderung finden sich natürlich schon deutlich früher und sind auch sehr viel subtiler.
Du kennst das vielleicht: Zwei Wochen im Urlaub gewesen und hinterher ist irgendwie die Rittigkeit von vorher nicht mehr so ganz da.
Wenn dein Pferd ein schwaches Bindegewebe hat, hypermobil ist, MIM und/oder ECVM hat oder auch ins Alter kommt, merkst du den Unterschied wahrscheinlich schon nach einer Woche deutlich:
Das Pferd ist beim Reiten wieder etwas schmaler oder instabiler unter dir, die Übergänge sind etwas hakeliger, weil die Stabilität im Rumpf und die Kontrolle über die Knie etwas verloren gegangen sind – Herausforderungen und Probleme, die ihr eigentlich schon hinter euch gelassen hattet, treten wieder auf.
Wie schnell sich Veränderung zeigt – drei Beispiele aus der Praxis
Aber auch eine qualitativ schlechtere (oder sogar ‚nur‘ schlampigere) Arbeit ohne Pause führt zu diesen Veränderungen, wie in diesem Beispiel:
Wenn eine zweite Reiterin alles ins Wanken bringt
Das Pferd wird seit 3 Jahren regelmäßig gearbeitet, mit meiner professionellen Unterstützung. Die Besitzerin muss selbst auch erstmal noch einiges lernen, achtet aber von Anfang an auch im Kleinen auf die richtigen Details: Anheben des Brustkorbs, Ansprechen und Ansteuern der Knie, Geraderichtung und Stabilisierung der hohlen Seite. Das Pferd wird immer rittiger und ist harmonisch bemuskelt.
Aus Zeitgründen holt sich die Besitzerin eine weitere Reiterin hinzu, die sich freut, in der Verletzungspause ihres eigenen Pferdes ab und an ein so feines und sensibles Pferd reiten zu können. Allerdings reitet sie aus einem falschen oder unklaren Verständnis von Dressur das Pferd mehr über Tempo, macht mehr Druck mit dem Sitz und dem Zügel.
Obwohl das Pferd den Großteil der Woche gearbeitet wird wie zuvor, führt diese Änderung nach wenigen Wochen bereits zu negativen Anzeichen: Die Knie werden schwächer und die Übergänge ruckeln deutlich mehr, Angaloppieren wird auf einmal wieder schwieriger, die Brustwirbelsäule bleibt etwas fester, dadurch ist die Losgelassenheit schwerer zu erreichen und bald ist dann auch zu sehen, wie im Halsansatz und an den Schulterblättern die Muskulatur weniger wird.
Nachdem die hinzugekommene Reiterin aufhört, ist der ganze Prozess ebenfalls innerhalb weniger Wochen wieder vollständig reversibel.
Wie schnell auch positive Veränderung möglich ist
Genauso schnell kannst du aber auch positive Veränderungen in deinem Pferd bewirken und auch dafür habe ich dir ein Beispiel mitgebracht:
Nach gesundheitlichen Schwierigkeiten inklusive einer OP beim Pferd wird das Training radikal umgestellt. Es wird nicht mehr regelmäßig geritten, ‚weil man das so macht‘ oder andere das sagen, sondern die Prämisse lautet jetzt: Wir machen, was ihm gut tut, auch wenn Reiten vielleicht nie wieder wird.
Als erstes Thema zeigen sich bei diesem Pferd die schwachen Knie, also wird zuerst vorrangig geübt, die Knie im Schritt sowie im Antraben fleißiger und aktiver zu bekommen.
Innerhalb weniger Wochen schleift das Pferd die Zehen nicht mehr über den Boden, geht ein deutlich besseres Grundtempo, bekommt zum ersten Mal in seinem Leben einen sich hebenden Widerrist und zeigt insgesamt mehr Freude an der Arbeit.
Da vorrangig Muskulatur schnell reagiert und die Gewöhnung an die veränderte Belastung bei Sehnen und Bändern mehrere Monate dauert, muss man jetzt natürlich lang genug dran bleiben und aufpassen, vor lauter Freude über die Veränderung nicht zu viel zu schnell zu wollen. Aber grundsätzlich ist das genau die Veränderung, die wir als Besitzerinnen für unsere Pferde wollen.
Das Wichtigste in Kürze: Veränderung geht schnell
Denn was ich dir heute vor allem mitgeben möchte, sind vor allem zwei Dinge:
1. Veränderung geht schnell – sowohl in die positive als auch in die negative Richtung.
2. Wenn das Training gut ist, solltest du schon nach wenigen Monaten deutliche Verbesserungen in deinem Pferd wahrnehmen können.
Auf diese kleinen Anzeichen solltest du achten
Veränderung zeigt sich schnell, aber in kleineren Details.
Schleifende Hinterhufe, ruckelige Übergänge, ein ‚ein wenig‘ kantiger aussehender Rücken, eine etwas festere Wirbelsäule, eine etwas deutlichere Schiefe – all das sind Anzeichen, dass du gegensteuern solltest, wenn du nicht in einem Jahr von einem Fesselträgerschaden oder Entzündungen in der Wirbelsäule überrascht werden möchtest.
Du musst nicht perfekt sein
Wenn dich das jetzt latent stresst, dann lass dir aber auch noch gesagt sein:
Du musst nicht perfekt sein, dein Pferd muss es auch nicht; Verbesserung ist immer ein Prozess und schlechtere Tage und Fehler (nicht nur beim Pferd, auch bei dir) gehören dazu. Davon geht kein Pferd direkt kaputt. Regelmäßigkeit und die Fähigkeit, im Kleinen immer wieder ein bisschen besser zu werden, ist entscheidend.s
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