„Vergleiche dein Pferd nur mit sich selbst!“ – wie das im Alltag konkret aussieht
Das Wichtigste, um Fortschritte beim Pferd erkennen und dich im Alltag mehr freuen zu können, habe ich in meinem letzten Blogbeitrag schon erwähnt; vielleicht hast du es auch von einer anderen Ausbilderin schon einmal gesagt bekommen:
Das Wichtigste, um zu mehr Zufriedenheit und Freude im Alltag mit deinem Pferd zu kommen, ist, dein Pferd nur mit sich selbst zu vergleichen.
Das bedeutet aber nicht:
‚Vor einem Jahr konnten wir noch nicht ausreiten und jetzt können wir immer noch nicht ausreiten.‘ Damit ziehst du den Vergleich wieder nur zum Ziel und siehst nur das, was noch fehlt. Warum das nicht hilfreich ist, habe ich hier schon einmal erklärt.
Diese drei Fragen machen Fortschritte sichtbar
- Konstruktiver sind dagegen folgende Fragen:
- Ist es jetzt besser als zu Beginn der Einheit?
- Klappt etwas besser als noch vor einem Monat?
- Fällt ihm etwas leichter als noch vor einem halben Jahr?
Um diese Unterschiede zu erkennen, musst du in erster Linie lernen, auf die kleinen Details zu achten.
Ein Praxisbeispiel: die Entwicklung meiner Stute Daya
Und dafür habe ich dir heute ein Beispiel mitgebracht, nämlich meine Stute Daya, die jetzt seit 1,5 Jahren bei mir ist.
Ich werde die kleinen Details bei ihr stichpunktartig auflisten, denn du wirst gleich merken – das sind ganz schön viele!
Dayas Anfangszustand – März 2025
Dabei haben ihr natürlich die 6stündige Hängerfahrt zu uns und der Stallwechsel an sich – neue Umgebung, neue Herde, neue Menschen – ganz schön zugesetzt.
Ich liste hier bewusst nur die Dinge auf, die noch nicht gut waren, denn das sind die Dinge, die wir ja noch verbessern wollen.
- unaufmerksam, oft auch dissoziiert, also ‚keiner zuhause‘
- wenn sie am Strick grast, bekommt man sie kaum noch wieder aus dem Gras
- bleibt auf dem Weg zum Reitplatz viel stehen, teilweise mehrere Minuten an einer Stelle
- schnell gestresst, insbesondere bei der Arbeit, weil sie da immer erwartet, dass ich noch mehr möchte.
- äppelt in 30 Minuten Longieren bestimmt fünfmal, vorrangig in Bewegung
- insgesamt noch nicht lange unter dem Sattel, dementsprechend noch nicht so sehr viel Balance und Kraft
- Antraben schwierig, sowohl beim Reiten, als auch an der Longe. Direkt neben dem Menschen, also beim Führen, trabt sie nicht an
- Satteln schwierig – steht nicht still, drückt mich weg, schnappt und droht
- wenig Bemuskelung, insbesondere Oberlinie, Sattellage, Halsansatz (vor der Schulter)
- schlechte Propriozeption, also Wahrnehmung, wo sich ihr Körper im Raum befindet, wo welches Körperteil ist und wo der Körper aufhört. Gepaart mit Unaufmerksamkeit und Dissoziation ist sie dadurch sehr rempelig.
- komplett instabile Halsbasis – schafft dadurch an der Longe im Trab oder Galopp keine Kurven, beim Reiten rollt sie sich ein und driftet über die Schulter weg
- kann beim Aufsteigen und unter dem Sattel so gut wie gar nicht stillstehen
- wird unter dem Reiter durch mangelnde Balance und Kraft insbesondere in Vorderbeinen und Rumpfträgern immer schneller (und rollt sich dabei ein)
- Anhalten unter dem Reiter nicht möglich; am Boden dauert es einige Meter, bis sie zum Stehen kommt.
- auch allein auf dem (unebenen) Paddock sehr unkoordiniert – teilweise kippt sie im ruhigen Schritt ohne Auswirkungen von außen (durch andere Pferde oder Menschen) fast um!
- keine Routine im Gelände
- scheint offene Flächen gewöhnt zu sein – in Waldstücken sehr viel unsicherer als auf Feldwegen
- beim Clickern kriecht sie mir in die Tasche und nimmt die (sehr kleinen) Leckerli mit den Zähnen
- weicht Kontakt und Druck aus – beim Nasentarget traut sie sich nicht, mich zu berühren
- geht komplett gedankenlos über Stangen, ohne Rücksicht auf Verluste (erschrickt dabei immerhin nicht)
Nach 6 Monaten – August 2025
- nach mehrwöchiger Verletzungspause meinerseits beginnen wir langsam wieder mit der Arbeit und es ist auffällig, wie selbstverständlich sie inzwischen aufmerksam bei der Sache ist, mitdenkt und auf mich achtet – ein großer Unterschied zum Anfang
- beim Clickern hält sie konzentriert den Kopf still, anstatt mir in die Tasche zu kriechen und nimmt die Leckerli sanft mit den Lippen
- auf dem Weg zum Reitplatz bleibt sie nur noch in Ausnahmefällen stehen
Nach 9 Monaten – November 2025
- Sie lässt sich bei Regen, Schnee, Wind, Kindern auf dem Trampolin oder einer angrenzenden Baustelle arbeiten ohne sich – wie noch im September 2025 – darüber zu empören, dass sie unter diesen Bedingungen etwas tun muss
- ihre Oberlinie füllt sich langsam
- ihre Vorderbeine stehen, von vorn betrachtet, zunehmend gerader
Dezember 2025 bis Sommer 2026 – viele kleine Meilensteine
Dezember 2025
- sie streckt sich das erste Mal unter dem Reiter und das sogar bergab, ohne eilig zu werden oder den Takt zu verlieren
- sie schnaubt das erste Mal unter dem Reiter ab
Februar 2026
- nach mehreren Wochen üben kann sie das erste Mal in der Halle entspannen
- an der Longe trabt sie zuverlässig losgelassen und mit langer Oberlinie an
Mai 2026
- sie hebt zum ersten Mal unter dem Reiter den Brustkorb und fühlt sich dadurch unter mir doppelt so breit an
- an der Longe kann sie dank einer stabileren Hinterhand:
- Übergänge nach unten besser steuern,
einfache Bahnfiguren im Trab gehen, ohne komplett Gleichgewicht und Gangart zu verlieren,
die ersten Galoppsprünge mit geschlossenem Lumbosakralgelenk in der Stützbeinphase
- Übergänge nach unten besser steuern,
- wir gehen den ersten Spaziergang, der ihre bisherige Grenze von 30 – 45 Minuten Dauer übersteigt: knapp 2 Stunden, ca. 10km Strecke
- Bis auf kurze Unsicherheit auf einem schlecht einsehbaren Waldweg keine Anzeichen von Überforderung
- Ich werde von Miteinstellern darauf angesprochen, wie gut sie inzwischen muskulär aussieht und dass sie sich auch auf dem Paddock deutlich koordinierter bewegt
- wenn sie erschrickt, brauche ich keine Sorge um meinen Körper haben, sie springt immer wendig um mich herum und passt sichtlich auf – selbst, wenn sehr wenig Platz ist
Juni 2026
- erste Meter im Gelände geritten
Juli 2026
- ihre linke (die hohle) Seite wird deutlich stabiler
- ihr gelingt zum ersten Mal richtig kräftiger Schub, der vorn vom angehobenen Brustkorb aufgenommen wird (anstatt wieder abzusacken und zu einer festgehaltenen Oberlinie zu führen)
- zweite gerittene Strecke im Gelände, diesmal im Wald und auf ihr unbekannter Strecke – mit langem Hals und mehrfachem Abschnauben
- sie kann beim Satteln stillstehen und behält dabei auch entspannte Ohren
- kontinuierlicher doppelt so breit unter dem Sattel, sogar direkt nach urlaubsbedingter Pause
- Nasentarget so enthusiastisch und mit Wucht, dass sie mir fast die Hand wegschlägt
- bietet das erste Mal spielerisch freies Traben und sogar Galoppieren an
- August 2026:
- inzwischen ausnahmslos immer doppelt so breit unterm Sattel, sogar an schlechten Tagen
- braucht an schlechten Tagen kein Aufwärmen am Boden mehr, sondern kann auch mit Reiter mental runterkommen
- kann im Trab unter dem Reiter ihre linke Körperhälfte behalten – im Mai 2026 war da noch nichts
- dritter Ritt im Gelände, sie kommt nach großer Unsicherheit beim Betreten des Waldes über den Sitz wieder zur Ruhe und schnaubt anschließend wieder ruhig ab
- schafft an der Longe Schritt-Trab-Schritt-Übergänge bergab
Aktueller Stand – September 2026
- ein langer Hals und regelmäßiges Abschnauben sind unter dem Sattel zur Normalität geworden
- Einrollen ist die absolute Ausnahme und sie bricht schon lange nicht mehr über die äußere Schulter aus – weder an der Longe noch unter dem Sattel
- nach dem Trab mit Reiter kann sie in der Vorhand stabil bleiben – noch im Juni war sie danach so instabil, dass ich nicht mehr lange reiten konnte
- das erste Mal Antraben in Handarbeitsposition, wo ich also sehr dicht neben ihr bin
- wenn überhaupt, äppelt sie während der Arbeit maximal einmal und bleibt dafür immer ruhig stehen
- sie konnte die ersten Mal unter dem Sattel mit durchhängendem Zügel ruhig stillstehen
Merkst du, was diese Auflistung mit dir macht?
Merkst du, was diese Auflistung mit dir macht?
Wie du auf einmal lauter Fortschritte und Erfolge siehst und dich freust, was Daya inzwischen alles kann?
Meine Ziele mit Daya – und warum sie nicht frustrieren
Natürlich können wir ganz vieles von dem, wo ich gern mal mit ihr hinmöchte, noch nicht. Sie soll grundsätzlich ein vielseitig ausgebildetes, gesundes und belastbares Freizeitpferd werden.
Meine Ziele mit Daya:
- gymnastizierende Dressurarbeit – so weit, wie wir kommen
- Handarbeit – so weit, wie wir kommen bzw. es auch unsere Größenverhältnisse zulassen
- Longieren – als Ausdauertraining, mit Stangen und Sprüngen
- Grundlagen des Springens mit Reiter
- wenn möglich, Grundlagen der Vielseitigkeit mit Reiter
- Ausreiten allein und in der Gruppe in allen Gangarten und in unbekannten Gebieten
- routiniertes Hängerfahren, bspw. für Lehrgänge
Du merkst, dafür fehlt uns immer noch sehr viel und das, obwohl wir inzwischen seit einem Jahr kontinuierlich daran arbeiten (die Verletzungspause 2025 hat uns im Training natürlich deutlich zurückgeworfen).
Und ja, für manches braucht sie körperlich, für anderes mental, sehr viel länger, als ich erwartet habe.
Aber durch meinen Blick zurück, den Vergleich vom Heute mit dem, wie es in der Vergangenheit war, fällt es mir leicht, mich ehrlich über jeden kleinen Erfolg zu freuen und mit ihrer Entwicklung zufrieden zu sein.
Extra-Tipp: So programmierst du deinen Wahrnehmungsfilter um
Falls du jetzt denkst: ‚Ja, das verstehe ich und ich sehe auch all die aufgelisteten Fortschritte, aber mit meinem eigenen Pferd komme ich da einfach gar nicht hin‘, habe ich noch einen Tipp für dich.
Wusstest du, dass in jeder Sekunde Millionen (!) an Eindrücken auf dein Gehirn einprasseln?
Vermutlich nicht, denn so viel nimmst du ja bewusst nicht annähernd wahr. Denn: Dein Gehirn filtert permanent.
Biologisch sind wir dabei natürlich auf das Vermeiden von Gefahren und das eigene Überleben ausgerichtet, filtern also primär nach negativen, potentiell bedrohlichen Dingen.
Die gute Nachricht ist aber: Du kannst den Filter umprogrammieren!
Warum ein Dankbarkeitstagebuch wirklich hilft
Und dabei hilft, glaubs mir, ein Dankbarkeitstagebuch, in das du jeden Abend drei Dinge aufschreiben musst, für die du dankbar bist.
Entscheidend sind dabei gerade die Tage, an denen dir so absolut gar nichts einfallen möchte. Dann musst du etwas länger überlegen und vielleicht wird es dann ‚immerhin hat es nicht noch geregnet, sondern war sonnig‘ oder ‚Ich stand zwar zwei Stunden im Stau, aber mir selbst und meinem Auto ist nichts passiert, sodass das Leben morgen ganz normal weitergehen kann‘.
Das kann sich albern anfühlen oder sehr aus den Fingern gesogen. Aber wenn du das mal für ein paar Wochen oder Monate durchziehst, führt es zu einem anderen, positiveren Filter. Du nimmst auf einmal viel mehr positive Eindrücke, manchmal wirklich nur Kleinigkeiten, wahr – und wirst dadurch insgesamt gelassener und zufriedener.
Und dann beginnt es, dir auch gegenüber deinem Pferd leichter zu fallen.
Unterstützung dabei, die kleinen Erfolge zu sehen
Wenn du Unterstützung dabei haben möchtest, die kleinen Erfolge bei deinem Pferd wahrzunehmen und/oder dabei, wie du sie gezielter erarbeiten kannst, dann schau gern in meinen Angeboten vorbei!
Ich biete Reitunterricht vor Ort und Online an
Gemeinsam richten wir dein Training neu aus, sodass du mit deinem Pferd spürbare und nachhaltige Fortschritte erreichst!
In einem kostenlosen und unverbindlichen Infogespräch, können wir besprechen, wie ich dich und dein Pferd am besten unterstützen kann.
Willst du noch mehr für dich und dein Pferd lernen?
Dann stöbere noch ein bisschen durch meine anderen Beiträge

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